K20 – Wohnhaus für eine Baugruppe

Wohnhaus Kreutzigerstr. 20
in Berlin Friedrichshain
Bauherr: Baugruppe K20 GbR
Planung und Ausführung 2006-2008

„Wohnen von der Stange? Das wollen wir nicht. Statt wichtige Entscheidungen über den eigenen Wohnraum anderen zu überlassen, möchten wir als künftige Haus- und Wohnungsnutzer lieber selber festlegen, was und wie gebaut wird!“

Um ihren Wohnraum und die Nachbarschaft in der Berliner Innenstadt selber gestalten zu können, gründeten zwei Initiatoren eine Baugemeinschaft. Sie wussten bereits, dass das Grundstück hierbei Dreh- und Angelpunkt ist und erwarben das Grundstück Kreutzigerstraße 20 zunächst auf eigene Rechnung. Zentral aber geschützt, liegt es in einer ruhigen Seitenstraße unweit der Magistrale “Frankfurter Allee”, mit der Gartenseite zum Parochialfriedhof. Die Bewohnerstruktur der Kreutzigerstraße ist bunt: neben alt eingesessenen Friedrichshainern und einigen Zuzüglern aus der Nachwendezeit prägt die ehemalige Hausbesetzerszene das Straßenbild. Einzelne Hausprojekte sind mittlerweile saniert und in Genossenschaften organisiert.

Mit der Vervollständigung der Baugemeinschaft im Herbst 2006 entstand ein Baugruppenprojekt mit 15 Teilnehmern zwischen 1 und 45 Jahren. Einige Bauherren wollten gut gestalteten und günstigen Wohnraum erwerben, andere verfolgten eigene Bauambitionen und das Interesse am Experiment.

Architektonisches und gestalterisches Konzept

Der Planungs- und Bauprozess war partizipativ; alle Entscheidungen für die Gestaltung des Hauses sind mit Beteiligung aller Teilnehmer getroffen worden. Die Planung der Privaträume erfolgte individuell in Abstimmung mit den Bewohnern nach vereinbarten „Spielregeln“: das Wohnhaus hat 5 Vollgeschosse und ein Staffelgeschoss mit lichten Raumhöhen von 3,14 m. Pro Etage ist eine Wohnfläche von ca. 180 qm in jeweils zwei Wohnungen zu 1/3 – 2/3 aufgeteilt. Die Wohnungen haben alle einen zentralgelegenen, durchgehenden und übereinanderliegenden Versorgungsschacht, an dem die Bäder und Küchen nach Nutzerwünschen angeschlossen sind.

Insgesamt entstanden 9 privat genutzte Wohnungen, eine Zimmervermietung und eine Gewerbeeinheit im Erdgeschoss, sowie verschiedene gemeinschaftlich genutzte Flächen. Wie z. B. die gemeinsame Dachterrasse, die einen spektakulären Ausblick über die Dächer Berlins bietet. Ein Teil wurde als Sonnendeck ausgebaut, der andere Teil mit Vegetation bedeckt und für eine Solaranlage vorgesehen. Der Keller birgt mit einer Sauna und einem großen Multifunktionsraum weitere gemeinschaftlich genutzte Flächen, hinzu kommt der großzügige Garten am Friedhof der Parochialgemeinde. Mit guter Wärmedämmung, Grauwassernutzung, zertifizierter Luftdichtheit und kontrollierter Be- und Entlüftung erfüllt das Haus außerdem den KfW 40 Standard.

Die Straßenfassade spiegelt und interpretiert den Kontext der Umgebung und das Innenleben des Hauses in gleicher Weise. Der Baukörper ist in Sockelgeschoss, Mittelteil und Dachlandschaft gegliedert, die mit der Betonung des Treppenturms das Giebelmotiv der Nachbarn aufnimmt. Die Geschosshöhen der Gründerzeitbebauung konnten übernommen werden, da die Bauherren auf ein zusätzliches Geschoss verzichtet haben, dafür aber eine lichte Raumhöhe von 3,14m gewannen.

Die Straßenfassade charakterisiert ein flächiges Spiel aus durchgefärbten Eternittafeln in verschieden Rottönen und frei angeordneten Fenstern. Die Balkone ragen als filigrane Kuben in den Straßenraum. Über das Fugenbild wurden die versetzten Öffnungen samt der Treppenhausfenster in ein Gesamtbild eingebunden.

Durch die Lage des Treppenhauses an der Straßenseite war die Gestaltung der Gartenseite vollständig variabel. Fenster und Wandflächen geprägt von den individuellen Grundrissen wurden gestalterisch in Bändern zusammengefasst, diesen wurden durchgängige Terrassen mit einer Tiefe von bis zu   2,50 m vorgelagert. Der schräge Zuschnitt der Terrassenböden entwickelte sich aus der Verhandlung der Balkontiefe mit den zulässigen Abstandsflächen zu den Nachbarn. In der vorderen Terrassenebene sind textile Sonnenschutzbehänge untergebracht, die gleichwohl einen Filter zwischen dem gemeinsamen Garten und den Privaträumen herstellen.

Nach einer Planungs- und Bauzeit von 2 Jahren wurde die Kreutzigerstraße im November 2008 bezogen. Die Baugemeinschaft hat neben der Projektentwicklung auch die Steuerung selbst gemeistert: Jeder Bewohner betreute ein oder mehrere Baugewerke von der Vertragsvergabe bis zur Abnahme, der Garten wurde in Eigenleistung gestaltet. Trotz des hohen Energie- und Ausbaustandards konnte das Haus mit 2100 €/m² Nutzfläche realisiert werden. Die Baukosten der KG 300 und 400 beliefen sich dabei auf 1270 €/m² Nutzfläche.

Publikationen:

SELFMADECITY Selfinitiated Urban Livings and Architectural Interventions, Jovis 2013

“Plan colectivo de negocios”
Revista “Summa +” Nr. 101, Buenos Aires, Argentinien, 10/2009 (3MB)

 

Fotos: Stefan Müller